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Ohne Vertrauen können Volkswirtschaften nicht funktionieren

Bei der SAFE-Forschungskonferenz "Sustainable Architecture for Finance – Where Are We Now and Where Are We Going?" kamen am 13. Dezember zahlreiche Wissenschaftler des Forschungszentrums SAFE, Universitäten sowie von Forschungsabteilungen von Zentralbanken im House of Finance zusammen, um über die aktuelle Finanzarchitektur in Europa zu diskutieren und um die aktuelle Entwicklungen zu analysieren.

Ziel der Konferenz ist es, vielversprechende, aktuelle Forschung zu präsentieren, und über relevante Maßnahmen zu diskutieren, die der Gesetzgeber als Antwort auf derzeitige und künftige Herausforderungen ergreifen sollte.

Die acht Workshops spiegelten die SAFE-Schwerpunktbereiche wider, wie beispielsweise "Systemic Risk", "Financial Markets" or "Household Finance". Den Präsentationen folgten intensive Diskussionen der Wissenschaftler.

"Banken brauchen ein besseres Verständnis ihrer Kunden"

Der Vorsitzende des SAFE Research Advisory Council, Professor  Arnoud Boot von der Universität Amsterdam, sprach zu Beginn der Konferenz über die Zukunft der Bankenbranche im Lichte der Digitalisierung. Er beschrieb zunächst das Aufkommen der Schattenbanken in den 1990er Jahren, das aus seiner Sicht das Finanzsystem massiv verändert hat. Boot sagte, dass neue Technologien und Fintech-Unternehmen ähnliches tun würden, weil sie für umwälzende Änderungen in den Vertriebssystemen und in der Interaktion mit Kunden sorgen würden. Er nannte drei Herausforderungen für den Finanzsektor: Erstens müssen Banken nachhaltige Geschäftsmodelle finden und mit disruptiven Faktoren wie Fintech umgehen. Zweitens erklärte Boot, dass ein dynamischeres Finanzsystem mit mehr Akteuren die eigene Stabilität gefährden könnte. Drittens sollte aus der Sicht von Boot das Misstrauen der Gesellschaft gegenüber Finanzinstituten nicht unterschätzt werden, da der Finanzsektor von der Akzeptanz der Gesellschaft abhänge. "Ohne Vertrauen können Volkswirtschaften nicht funktionieren", erklärte Boot.

Der Ökonom erklärte, dass Regulierung, Technologie und Kundenpräferenzen die Hauptfaktoren für Veränderung in der Branche seien. Auch Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes und die fortschreitende Globalisierung würden die künftige Struktur der Branche prägen. Seiner Ansicht nach müssen Banken die Interaktion mit ihren Kunden verändern. "Um erfolgreich zu sein, brauchen Banken ein besseres Verständnis für ihre Kunden und müssen ihre Produktangebote entsprechend anpassen", sagte Boot. 

Fintech-Unternehmen würden ihre Dienstleistungen auf die Bedürfnisse des Individuums ausrichten, während Banken heute in der Mehrheit das Gegenteil tun würden: Sie bieten Standardprodukte an, die für den Einzelnen passen oder auch nicht. Social Media spielt aus der Sicht von Boot eine Schlüsselrolle im Prozess der Kundenbindung. "Vertrauen aufzubauen und Kunden handlungsfähig zu machen, wird von überragender Bedeutung sein", erklärte Boot.

Er sagte, dass der Trend zu intensiverer Regulierung mit großer Wahrscheinlichkeit weitergehen und dass dies strukturelle Auswirkungen auf die Branche haben werde. Boot verwies darauf, dass disruptive Akteure wie Apple oder PayPal künftig möglicherweise noch mehr Finanzdienstleistungen anbieten könnten, da sie bereits auf Zahlungs- und Transaktionsdienste spezialisiert seien. Technologien wie P2P könnten durch direkte Interaktion zwischen Finanzakteuren zu einer Abkopplung der Banken führen, wodurch der Beziehungsaufbau der Banken zu den Kunden gefährdet werde. Laut Boot ist die größte Herausforderung für Banken das mögliche Auseinanderbrechen der Wertschöpfungskette, wenn Online-Plattformen zur bevorzugten Kundenschnittstelle werden. Für Banken werde entscheidend sein, Fintech in die neuen Geschäftsmodelle zu integrieren. In der Tat seien sie die größten Investoren in diesem Bereich, sagte Boot.

Der Wissenschaftler sieht drei mögliche Geschäftsmodelle für Banken in der Zukunft: Nur wenige Banken spielen möglicherweise eine führende Rolle im Öko-System von Fintech und können mit ihrem Service sogar über Finanzdienstleistungen hinausgehen. Zweitens ist laut Boot eine traditionellere Nischenstrategie rund um höherwertige Dienste für Unternehmen möglich. Banken würden dabei als vertrauenswürdige Berater der Unternehmen fungieren. Bei der dritten Strategie, die er als "lean and mean" bezeichnete, liegt der Fokus auf niedrigen Kosten sowie auf einfachen Dienstleistungen und Produkten. "Durch die Informationstechnologie spielt die Größe einer Bank keine so große Rolle mehr", sagte er.

Warten auf den nächsten Minsky-Moment

Nach den Workshops hielt Otmar Issing, Präsident des Center for Financial Studies, die Abschlussrede. Darin ging er auf die Bedeutung der Finanzforschung ein. Seit der Finanzkrise sei einiges bei der Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems erreicht worden. Die Forschung, so Issing, könnte auf mögliche Probleme hinweisen und Empfehlungen für ein stabileres System geben. Dennoch sagte Issing: "Es besteht kein Zweifel an einer nächsten Krise". Er wies darauf hin, dass die Merkmale einer neuen Krise nicht vorhergesagt werden könnten, da die Welt instabil und voller unbekannter Risiken sei. Die Frage sei, wann der nächste Minsky-Moment eintrete, in dem ein plötzlicher, größerer Einbruch von Vermögenswerten eine neue Krise verursachen könnte. "Das Problem ist, dass wir Minsky-Momente nur im Nachhinein identifizieren können", sagte Issing. Er schloss mit der Hoffnung, dass die nächste Krise weniger schwerwiegend sein werde und dass in jedem Fall weitere Forschung erforderlich sei: "Sie haben heute einige Fortschritte erzielt, aber es bleibt noch viel zu tun", sagte Issing zu den anwesenden Wissenschaftlern.